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Schrieb die Biografien für Peter Maffay und die Böhsen Onkelz: Erfolgs-Autor Edmund Hartsch. Foto © Stephan Höck

Edmund Hartsch

Thema: "Hintergründe zu den Ausnahme-Karrieren von Peter Maffay und den Böhsen Onkelz"

Februar 2011, per Email zwischen Berlin und Península de Osa, Costa Rica

Über Edmund Hartsch
Bereits zwei der erfolgreichsten deutschen Musik-Acts vertrauten ihm das Schreiben ihrer offiziellen Biografien an: Peter Maffay und Die Böhsen Onkelz. Der Erfolgs-Autor lebt heute in Costa Rica, auf der Halbinsel Península de Osa, direkt am Pazifik. Edmund Hartsch sammelte mehr als 20 Jahre lang persönliche Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit extrem erfolgreichen Musikern.

Im Gespräch gibt es jede Menge spannende Fakten und Tipps für Musiker und Künstler. Einige Horizonte werden sich weiten - so, wie auch meiner, - wenn ihr erfahrt, warum Edmund, der kultivierte Bücherliebhaber mit Vorliebe für Lyrik, im Team der Böhsen Onkelz goldrichtig war. Zudem werden wir klären, wie dieser leidenschaftliche Sportler, der sich unter anderem Knochenbrüche beim Surfen zuzog und einmal fast an Escherichia coli-Bakterien gestorben wäre, vertrauter Wegbegleiter und Biograf des Rockstars Peter Maffay wurde.

Edmund Hartsch an seinem Lieblingsstrand „Playa S.“, Costa Rica. Foto © Edmund Hartsch
Im folgenden Interview mit Edmund Hartsch erfahrt ihr unter anderem Hintergründe, die zum Erfolg der Ausnahmekünstler Peter Maffay und Böhse Onkelz beitrugen. Zudem gibt es Praxistipps für Newcomerbands und Künstler zum Umgang mit der Presse und immer wieder verrät Edmund „Eddy“ Hartsch, inwieweit man aus seiner Sicht seinen dauerhaften Erfolg als Künstler selbst steuern kann.

Herzlich willkommen im Gespräch mit Bandologie, Edmund Hartsch.


Das Interview

Nils Kolonko:
»Hallo Edmund, erstmal vielen Dank, ich freue mich über deine Zusage zu diesem Interview.

Edmund Hartsch:
»Gern geschehen.


Nils Kolonko:
»Ich würde gern im Herbst 2006 starten. Du sitzt mit deinem Mac Laptop in einer von sechs Wassermühlen aus dem 14. Jahrhundert, auf einem Berg in der Nähe von Pollenca (Mallorca). Dein Auftrag: Die bisherige Lebensgeschichte des Besitzers schreiben; Deutschrocklegende Peter Maffay.

Frage: Was waren deine Gedanken, als du die ersten Seiten seiner Biografie geschrieben hast?


Edmund Hartsch:
Edmund Hartsch gemeinsam mit Peter Maffay in South Dakota bei den Lakota Indianern, auf der Suche nach einer Büffelherde. Die Lakotas wollten Maffay zu Ehren einen erlegen und zubereiten, was sie dann auch taten. Foto © Franz Schlechter
»„Verdammte Scheiße. Das wird nie was. Worauf habe ich mich da nur eingelassen?“
Ich habe mit Maffay am 1. September 2006, morgens um 8 in der Bar Español auf der Plaza von Pollenca Café getrunken und gefrühstückt, als die Idee entstand und schon um 9:30 saß ich am Computer und habe gegrübelt und gegoogelt. Ich wusste nicht viel über Maffay, eigentlich gar nichts. Und je mehr ich herausfand um so mehr wurde mir klar, was für ein Projekt es werden würde und in welchen Dimensionen ich mich bewegte. Das war ein wenig beängstigend. Klar, ich war vorher schon mit Maffay auf einer Tournee gewesen und bin mit ihm im Rahmen des „Begegnungen“ Projekts um die Welt gereist. Ich konnte den Mann einschätzen, aber von seiner Vita hatte ich nicht die geringste Ahnung. Am Anfang war ich mir auch noch nicht sicher, welche Erzählform ich wählen sollte. Kessel Buntes oder Leipziger Allerlei? Oder doch lieber konservative, aber effektive Chronologie? Das war jedoch zunächst nicht so wichtig. Vor dem Schreiben kommt bekanntlich die Recherche und die hat ja schon über 3 Monate gedauert, bis es überhaupt losging und lief danach noch bis zum Ende parallel. Das heißt, dass ich eigentlich vorne angefangen habe. Ein langes Interview mit seinem Vater, Wilhelm, den ich sehr zu schätzen gelernt habe, brachte mir die nötigen Informationen, damit ich beginnen konnte. Familiärer Hintergrund, Kindheit, kulturelle Prägung und frühe soziale Konditionierung. Das alles war mir enorm wichtig, weil es die Weichen für sein späteres Verhalten und letztendlich auch seinen Erfolg stellte. Danach kam Eins zum Anderen. Die Timeline abarbeiten und sich mühsam vortasten. Detektivarbeit. Alles ist wichtig. Jeder kleinste Hinweis. Schließlich muss man alles richtig zusammensetzen. Wie bei einem Puzzle. Nur aufgeben darf man nicht, auch wenn‘s manchmal hart wird.

Nils Kolonko:
»Im Jahr 2000 erlebte ich als BMG-Mitarbeiter ganz direkt eine Geschichte mit, wie Peter Maffay arbeitet. Als ich, damals 22 Jahre alt, die Fakten erfuhr, stand ich mit offenem Mund im Flur der Marketing-Abteilung in der Neumarkter Straße 28 in München und fragte meinen erfahreneren Kollegen: "Warum macht er das? Das wird ihn aus seinem Budget als Künstler eine Menge Geld kosten. Selbst für Maffay eine Menge Geld. Er müsste das nicht investieren." Der Kollege: "Naja, offenbar, weil er davon überzeugt ist." – Als Auszubildender einer großen Plattenfirma konnte ich das kaum glauben. Ich fühlte mich der Hamburger Punk-Szene verbunden, dachte, ich wäre jetzt sehr weit davon weg ... und hier war plötzlich ein "Major-Künstler", der handelte wie ein Idealist.
Drei Jahre später erfuhr ich von einer Kollegin aus der Musikindustrie zwei weitere Geschichten über die Arbeitsweisen, den Präzisions-Anspruch und die Energie von Peter Maffay. Ich war erneut sehr überrascht. Das war einer der ersten Momente, bei denen mir der Gedanke kam: "Wie viel Erfolg führt eigentlich der Künstler selbst herbei ... und wie viel wir?" (Damals als Plattenfirma)

Frage: Bis zu welchem Maße steuern deiner Erfahrung nach dauerhaft erfolgreiche Künstler ihre Karriere selbst und hast du eine beispielhafte Geschichte dazu?

Blitz-Info: Stephan Weidner meisterte eine 25-jährige Rockmusik-Karriere als Songwriter, Texter, Produzent, Bassist und Zweitstimmen-Sänger der Böhsen Onkelz. Er startete nach Auflösung der Onkelz eine weitere Karriere mit einer neuen Band, unter dem Künstlernamen Der W - diesmal als Leadsänger. Weidner machte sich trotz jahrelangem Dauerfeuer der Medien gegen ihn und die Onkelz zu einem der erfolgreichsten Rockmusiker und -Produzenten Deutschlands. Foto: Joscha Arenz
Edmund Hartsch:
»Das kann ich mir gut vorstellen beim Peter. Idealismus ist alles. Sofern ich das beurteilen kann, hat es sehr viel mit dem eigenen Einsatz zu tun. Gut, man kann weder Peter Maffay, noch die Böhsen Onkelz als Beispiele anführen, weil sie in einer ganz besonderen Situation waren, aber auch dort hat es viel mit dem persönlichem Einsatz zu tun gehabt. Stephan Weidner (Foto) hat 24 Stunden am Tag für seine Band gelebt und gearbeitet. Ebenso Maffay. Der steht um 5 Uhr morgens auf und legt los. Alles, das ganze Leben, auch das Privatleben, hat sich dieser Arbeit unterzuordnen. Sowohl bei Maffay, als auch bei Stephan kam viel Trotz dazu und ein enormer, fast schon unmenschlicher Wille. Scheitern war keine Option. Es wurde nicht gescheitert, es wurde nicht aufgegeben. Niemals. Ein ganz wichtiger Aspekt ist jedoch auch der, dass ich als Künstler die Kontrolle über mich und meine Karriere nicht aus der Hand geben darf. Weder an einen Manager, noch an die Plattenfirma, aber das ist natürlich nicht immer einfach. Manche Dinge gehen Hand in Hand. Dennoch, je mehr Selbstbestimmung, desto besser. Autarkie und Unabhängigkeit müssen die langfristigen Ziele sein, so wie der Aufbau eigener Strukturen. Maffay und die Onkelz sind zwei extreme Beispiele. Die waren sehr erfolgreich im Aufbau ihrer Strukturen aber auch bei denen ging es natürlich nicht von Heute auf Morgen. Die hatten Zeit, zu wachsen. Nimm aber meinetwegen einmal Tokio Hotel. Auch sehr erfolgreich, aber noch sehr jung. Das sind talentierte und ambitionierte Teenager, aber schwer auf dem Weg, zu Industriemarionetten zu werden und das in absolut rekordverdächtiger Zeit.
Sommer 2005: Mit Peter Maffay in Afghanistan. Edmund trägt eine 15kg schwere, kugelsichere Kevlarweste. Foto © Kathrine Standley
Die hatten nicht so viel Raum, sich zu entfalten. Da ist der internationale Erfolg wie ein Donnerwetter über die Band niedergegangen und in so einem Fall hast Du im Handumdrehen einen Schwarm Geier über Dir, die alle mitverdienen wollen und die Dir alle irgendetwas raten und erzählen und Dich in diese oder jene Richtung lenken wollen. Die Jungs sind gerade mal 20, keine Ahnung, ob die das überleben werden. So früher Ruhm ist gefährlich. Bei so hohen Einnahmen und bei so viel Anbetung und Aufmerksamkeit, kann man die Gefahren und die Stolperfallen übersehen, die auf so einem Weg lauern. Alkohol, Tabletten, Drogen, Depressionen, Streitereien, Eifersucht, etc... Vielleicht nicht jetzt oder in 2-3 Jahren, aber vielleicht in 10 Jahren. Deren Image als Tokio Hotel gehört in die Gegenwart. Dieses Image funktioniert aber möglicherweise in 10 Jahren nicht mehr. So eine Kaulitz-Androgynität mag ja ganz interessant sein, hat sich aber auch irgendwann totgelaufen. Das funktioniert nur, wenn man noch sehr jung ist. Auch Bowie musste sich neu erfinden. Da braucht man einen Manager mit Fingerspitzengefühl, Intuition und großer Weitsicht. Ich weiß nicht, ob Bill Kaulitz gut beraten war, diese Saturn Hansa Kampagne mit Alice Cooper zu machen. Weder finanziell noch image-mäßig hätte er das nötig gehabt. Ich hätte abgeraten, aber das ist natürlich deren Sache. In dem Alter hast Du noch nicht die Eier, auch mal „Nein“ zu sagen. Bei den Onkelz jedenfalls, hätte sich Stephan erst totgelacht und dann abgesagt. Dazu kommt, dass wir in Zeiten exponentieller Beschleunigung leben. Nicht nur die Musik hat sich verändert, sondern auch die Art, wie Musik vertrieben und konsumiert wird. Schwierig, schwierig. Es gibt heute überhaupt kein klassisches Artist Development mehr. Dafür aber jede Menge rasendschnelle Internet-Abräumer. Noch einmal: Selbständigkeit und Autarkie sind wichtig. Der Künstler MUSS sich durchsetzen, sonst ist es nicht seine Kunst, sondern die seines Managements. UND er darf sich nicht oder nur begrenzt von einer Plattenfirma abhängig machen. Das ist zwar schwierig, aber anders geht es nicht, wenn er sich ausdrücken will. Seine Kunst muss sein Ausdruck sein. Darum geht es ja schließlich, oder? Um Ausdruck. Also Bottom Line: Behalte die Kontrolle über Dich und Dein Schaffen. Gib sie nicht ab. Sei offen für Vorschläge, aber lerne auch möglichst schnell „Nein“ zu sagen. Das verschafft Dir Respekt. Wer sich von der Industrie oder von seinem Management verbiegen lässt und zu viele Kompromisse eingeht, der macht irgendwann den Rex Gildo.

Nils Kolonko:
»Kannst du dir erklären, wie Peter Maffay zu seiner "Besessenheit" (sehr hoher Anspruch, Schnelligkeit, seinem unbedingten Siegeswillen, mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Haltung) kam? Gab es dafür einen Auslöser; wenn ja, welchen?

Edmund Hartsch:
»Ja, das kann ich mir erklären. Recht einfach sogar. Nichts „beeindruckt“ mehr, als die ersten Lebensjahre. Dafür muss man kein Psychologe sein. Erst kommt die Prägung, die geht sehr tief, dann kommen Erziehung und später die Konditionierung dazu. Maffays Prägung ist erklärbar. Die Makkays waren nach dem zweiten Weltkrieg in Rumänien als siebenbürgen-deutsch/ungarische Familie geächtet. Siebenbürgen-Deutsche hatten es im kommunistischen Rumänien nicht gerade leicht. Enteignung, Deportation, Verfolgung, Unterdrückung, etc... Maffays Vater hat es am eigenen Leib erfahren müssen. Dessen ungarischer Starrsinn hat sich vererbt. Der Junge Peter Makkay musste mitansehen, wie seine Familie Not litt. Das war die Prägung. Die kann man nicht auslöschen. Diese Bilder vom gebeugten und gedemütigten, aber nicht besiegten Vater, die werden sich tief eingebrannt haben. Dazu das melancholische Naturell der Mutter. Seine frühe Erziehung beruhte auf starken Prinzipien. Ehrlichkeit, Disziplin, Gradlinigkeit. Niemals aufgeben, nichts unversucht lassen, das Rückgrat durchdrücken und sich durchbeißen. Was Du schaffen willst, das kannst Du auch schaffen. Die Konditionierung durch sein jugendliches Umfeld jedoch, war musikalischer Natur. Die Musik von Elvis und somit der Rock ’n’ Roll hatte es auch bis nach Rumänien geschafft. So gab es plötzlich ein leuchtendes Ideal, etwas, das angestrebt werden konnte. Dass die Familie schließlich nach Deutschland flüchten konnte, war eine günstige Fügung und erst in München konnte der Junge aufblühen und sein ganzes Potential abrufen. Solche Dinge passieren, sind aber selten. Der Rest ist Geschichte und bekannt. Bei Peter Maffay und auch bei Stephan Weidner ist es ähnlich. 40 % Talent, 60 % Fleiß, Sturköpfigkeit und eiserne Disziplin. Dazu noch ein Schuss Bauernschläue und Cleverness, die man sich als Jugendlicher auf der Straße holt und dann KANN es funktionieren. Glück gehört natürlich auch noch dazu. Und wir wollen nicht vergessen, dass es in beiden Karrieren harte Rückschläge gab, die die Künstler jedoch souverän weggesteckt haben.

Nils Kolonko:
»Mit welchen Mitteln oder Methoden schafft Peter Maffay, seit 40 Jahren sein enormes Tages-Pensum?

Edmund Hartsch:
»Mit den oben angesprochenen Mitteln. Mit eiserner Disziplin und einem strengen Regiment. Im Maffay Büro arbeiten eine Handvoll Leute, die dem Peter Dinge abnehmen und seinen Tagesablauf organisieren. Der Terminplan ist abartig voll. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Da wird auf die Minute geplant. Da reiht sich ein Termin an den nächsten. 365 Tage im Jahr. Allerdings muss an dieser Stelle gesagt werden, dass Maffay diese Arbeit Spaß macht. Er liebt es, sich bis zum Letzten zu fordern. Das ist fast schon beängstigend. Der macht keine Pause, nur wenn er schläft und schlafen tut er nicht viel. Ich denke, dass es bei ihm zu einem Zwang geworden ist, dass ihm die 1970er Initialzündung soviel Schub gegeben hat, dass er weit über sein eigentliches Ziel hinausgeschossen ist. Nicht zum Mond, sondern gleich zum Jupiter. Allerdings kann er auch nicht abbremsen. Würde er anhalten, dann würde er tot umfallen. Sein ganzes Wesen ist seit 1970 auf Vollgas abgestimmt.
Es gibt jedoch eine Schmerzgrenze für rockende Männer, die meiner Meinung nach spätestens bei 60 Jahren liegt. Ab da muss man als Künstler höllisch aufpassen, dass man nicht unglaubwürdig wird und sich selbst demontiert. Rock‘n‘Roll verkauft ja immerhin auch Attitüde. Solche Dinge wie Jugend, Sex, Rebellion und Aufbruchstimmung. Das sind doch eher Attribute, die man nicht unbedingt mit alten Männern assoziiert. Wer mit 60 noch „Aufbruch“ verkörpern will, der muss schon ein harter Hund sein. Das funktioniert bei Lemmy von Motörhead. Der ist jetzt 64, aber noch glaubwürdig. Bei Angry Anderson von Rose Tattoo geht das auch noch. Die Ausstrahlung macht’s. Ich lasse auch gewiss noch einen Keith Richards durchgehen, aber eben keinen Mick Jagger mehr, keinen Steven Tyler und auch keinen Klaus Meine. Da wird’s dann kritisch. Bei denen sieht’s mir zu sehr nach Eitelkeit aus. Ist aber nur mein persönlicher Eindruck. Ich kann da auch falsch liegen.
Es ist ja auch nicht leicht, von der Bühne zu gehen und auf die Euphorie der Fans zu verzichten. Viele Künstler leben ja genau davon. Von der Anbetung. Ich kann mir da eigentlich kein Urteil erlauben. Ich kenne das Gefühl nicht und möchte es auch nicht kennenlernen. Das ist ein Ego-Boost, mit dem möchte ich mich nicht auseinandersetzen müssen. Womit wir wieder bei Tokyo Hotel wären. Wenn so ein Boost schon sehr früh im Leben kommt, dann endet es oft tragisch. Da braucht man eine solide Basis.
Zurück zur Frage. Maffay ist Maffay und Maffay ist besessen. Was Maffay macht, das kann auch nur Maffay. Jeder Andere würde sofort an einem Burn-out zugrunde gehen. Es scheint demnach schwer, eine erfolgreiche Karriere aufzubauen, aber es scheint ebenso schwer zu sein, diese Karriere irgendwann zu beenden und loszulassen.

Nils Kolonko:
Mittagspause im Kinderheim „Casa de Milagros“ in der Nähe von Cusco in Peru. Foto © Franz Schlechter
»Zeitsprung, Juni 1987: Die Musiker Peter Schorowsky und Stephan Weidner kommen in deinen Skateboard-Laden in Frankfurt-Bockenheim, um Aufkleber als mögliche Tattoo-Inspirationen zu kaufen. Du schriebst später: „Er (Stephan) strahlte eine unglaubliche Cleverness aus.“

Frage: Hast du einen Tipp oder einen richtungsweisenden Hinweis für Musiker und andere Selbstständige, wie man zu solcher ‚Cleverness’ kommen kann?

Edmund Hartsch:
»Zu so einer Cleverness „kommt“ man nicht. Die kann man nur in langen harten Jahren auf der Straße erlernen. Die ist nicht angeboren und die lernt man auch nicht in der Schule. Und wenn, dann nur auf dem Pausenhof, aber nicht im Unterricht. Die entsteht und wächst, wenn man aus sehr einfachen (Maffay) oder sehr sozial belasteten (Stephan) Verhältnissen kommt. Man sieht’s in den Augen. Maffay und Stephan haben den gleichen Blick. Der Blick, der Dir ganz klar sagt: „Mich kannst Du nicht verarschen!“ Und es stimmt. Unverarschbar die beiden. Die riechen, wenn etwas nicht stimmt. Es gibt möglicherweise eine Menge Jungs in irgendwelchen Vororten, die diese Cleverness auf der Straße erlernen, aber es gibt sicherlich auch viele, die dennoch untergehen. Die Brutalität in solchen Trabantenstädten wie dem „Frankfurter Berg“ (Stephan) kann mitunter sehr hart sein. Da ist viel Gewalt im Spiel. Das ist auch so ein Primatending. Junge Männer, die mit ihrem Testosteronhaushalt zu kämpfen haben und sich gegenseitig in an die Kehle gehen. Chancenlosigkeit, mangelnde Bildung, Frustration, Revier- und Zukunftsangst kommen dazu. Die wenigsten schaffen es dort raus. Viele bleiben auf der Strecke. Aber wer diese Cleverness richtig einsetzt und sie irgendwann in Selbstvertrauen umwandelt, der hat eine reale Chance. Als ich Stephan 1987 kennenlernte, da war noch ein ganz kleiner Rest dieser alarmierten Vorstadtparanoia in ihm. Noch ein letzter Hauch von: „Aufpassen! Alle sind gegen mich, ich muss mich zur Wehr setzen“, aber schon in unseren ersten Gesprächen hat er sich locker selbst analysiert und dieses Problem ganz klar erkannt. Und siehe da, plötzlich stellten sich Lässigkeit, Selbstvertrauen und Souveränität ein. Straßenbewusstsein kreativ umgesetzt und auf das nächste Level gehoben. „Streetknowledge 2.0“, sozusagen. Aber ganz ehrlich, Stephan Weidner und Peter Maffay sind absolute Ausnahmen. Oder zumindest die einzigen, die ich persönlich kenne, bei denen es funktioniert hat. Die ihre Cleverness und ihre Verteidigungshaltung so eingesetzt haben, dass etwas Großes daraus wurde. Entgegen jeder Prognose.
Raten kann man da nur, sich mit einer gehörigen Portion Skepsis zu bewaffnen. Das Musikbusiness kann sehr hässlich sein, hinter den Bühnen. Es geht wie immer um Geld und jemand, der nur sein Talent mitbringt, der kann trotzdem schwer verarscht werden. Auch ganz wichtig sind Leute, denen man vertraut. Leute außerhalb der Band. Alte gute Freunde auf dessen Meinung man zählen kann. Schau Dieter Viering an. Der war Promoter bei der Teldec und hat Maffay 1970 rausgebracht und veröffentlicht. Der ist heute noch, nach 40 Jahren an seiner Seite. Wie ein Ehepaar, die beiden. Aber Maffay braucht den Dieter, weil Dieter ihn nicht belügt. So wie Stephan auch seinen Freund und Manager Matthias Martinsohn braucht. Weil er weiß, dass der ihm genau sagt, was er von diesem oder jenem Vorschlag hält. Das Urteil eines Freundes kann in solchen Fällen sehr wichtig sein. Wer sich mit wahren Freunden umgibt und die auch zu Wort kommen lässt und wer nicht vom eigenen Ruhm verblendet ist, der hat schon sehr viel gewonnen. Dazu ein gutes persönliches Urteilsvermögen und es könnte klappen.

Nils Kolonko:
In diesem Video (ab Minute 4:59) sah ich Edmund Hartsch das erste Mal. Hier sagt er der Süddeutschen Zeitung eine Gratis-Pressekarte ab. Mein erster Gedanke: "Warum kann die Band sich das erlauben? Ist ja irgendwie geil ..." // Update 25.12.2012: Wer diesen Videoausschnitt und viele weitere informative Eindrücke aus der Geschichte dieser erfolgreichen Rockband sehen will, möge sich den Tourfilm "La Ultima" (96 Min.) zulegen:
»Im Lauf der Jahre wurdest du "Presse-Verhinderer" für die Böhsen Onkelz. Ich war Mitarbeiter bei Warner Music und bei der BMG. Dort geht es immer darum, so viel Presse wie möglich auf die Künstler aufmerksam zu machen, auf die Konzerte zu bewegen und dergleichen. Als ich die Szene mit dir im Tourfilm von "La Ultima" sah, in der du der Süddeutschen Zeitung eine Konzertkarte absagst, dachte ich: "Was für ein cooler Typ. Warum kann die Band sich das erlauben? Ist ja irgendwie geil ..."

Frage: Was empfiehlst du Newcomerbands und Künstlern, die gern in großen Medien stattfinden wollen aber nicht reinkommen, im Umgang mit der Presse?

Edmund Hartsch:
»Grundsätzlich und das meine ich ernst, empfehle ich, gar nicht erst in großen Medien stattfinden zu wollen. Und schon gar nicht als Newcomerband. Jedenfalls nicht um jeden Preis. Ich empfehle, die Medien erst einmal komplett auszublenden und zu warten, bis die sich rühren. Weiterhin empfehle ich obendrein zunächst eine Menge Interviews abzusagen. Das ist das „Prinzip der Verknappung“. Das funktioniert, weil Medien in der Regel nicht gewohnt sind, Absagen zu erhalten. Gebt lieber kleinen Magazinen und Schülerzeitungen Interviews und seit nett zu diesen Menschen. Es hilft, lange Verbindungen und ehrliche Freundschaften aufzubauen. Solche Dinge zahlen sich später aus. Große Medien ziehen Dich in kürzester Zeit durch. Die sind nicht wirklich an Deiner Kunst interessiert. Das hast Du nicht nötig, wenn Du von Dir und Deiner Kunst überzeugt bist. Warte bis Du so groß bist, dass die Dich interviewen wollen und dann sagst Du ab. Oder wie Stephan immer gerne sagte: „Einfach gar nicht ignorieren!“ Das war bei uns ein sehr beliebter Klassiker.
Was die Onkelz und das Ding mit der Süddeutschen angeht, darf man das natürlich nicht als Maßstab hernehmen. Die Onkelz waren in der einmaligen Lage, dass es absolut scheißegal war, wer etwas über die Band schrieb oder nicht schrieb oder schreiben wollte. Das war ein Sonderstatus, den sich nur die Onkelz erlauben konnten.
Als Newcomerband darf man sich auf keinen Fall von diesen Dingen abhängig machen. Ich verstehe und erkenne die Verlockung, wenn eine große Zeitung anruft und wer weiß, vielleicht ist der Journalist/Redakteur ja auch ok. Das soll ja vorkommen, aber es wäre falsch, zu viel Vertrauen zu haben und man sollte nicht enttäuscht sein, wenn der Artikel dann nicht so ausfällt, wie vorher versprochen wurde. Dass Du z.B. falsch zitiert wirst oder Deine Aussagen, aus dem Kontext gerissen, plötzlich einen anderen Sinn ergeben, das ist eher die Regel als die Ausnahme. Das ist Lehrgeld, das Du zahlen musst. Viel wichtiger ist es, live zu spielen. 2-4 mal die Woche, wo und wann immer sich eine Möglichkeit ergibt. Eine solide Fanbasis ist das Wichtigste. Die Interviewanfragen kommen dann von ganz alleine. Ich würde die Medien auf jeden Fall warten lassen, aber das muss jede Band für sich entscheiden.

Nils Kolonko:
»Immer wieder fragen Musiker, wie eine "ideale Pressemappe" aussehen sollte. Welche Fotos, was für ein Text, welche Dinge beim Anschreiben besonders wichtig dazu seien. Was würdest du zu diesem Thema empfehlen?

Edmund Hartsch:
»Eine gute Pressemappe muss auf alle Fälle gute, professionelle Fotos enthalten. Und nicht Fotos, die irgendein Freund mit der kleinen Digi geschossen hat. Ich weiß, dass Fotografen teuer sind, aber vielleicht gibt es im Umfeld einen angehenden Fotografen, den man danach, wenn er ein paar Portraits im Studio oder auf dem Acker geschossen hat, auch beim Live-Gig knipsen lässt. Und bitte nicht zu böse und zu cool schauen auf den Fotos. Es darf auch ruhig gelächelt werden. Es macht Sinn, Fotos auszusuchen, die nicht dem gängigen Standard entsprechen. Also ich würde die typischen Band-Posen vermeiden und finstere Blicke auch. Wenn’s nicht gerade eine Black Metal Band ist, dann hinterlassen Bilder, die Natürlichkeit ausstrahlen einen besseren Eindruck. Style ist wichtig. Die Band muss ihren eigenen Style finden. Abgekupferte Dinge langweilen und sind schon hundertmal gesehen worden. Solo-Künstler sollten Portrait- und Live-Fotos in die Mappe legen. Richtig gute Image-Shots. Bands sollten Bandfotos und Einzelportraits der Musiker dazulegen. Plus ein bis zwei Live-Shots. Aber richtige Knaller, mit fliegendem Schweiß und zappelnden Fans. Eher schwarz/weiß als Farbe.
Zu den Fotos braucht die Pressemappe eine Bandbio. Kurz aber knackig. Floskeln vermeiden. Nicht zu reißerisch. Bescheidenheit ist eine Zier. Aber man muss sein Licht auch nicht unter den Scheffel stellen. Sollte es schon Veröffentlichungen geben, dann ist auch eine Discographie wichtig und möglicherweise Hinweise auf die nächsten Live-Shows. Gibt’s einen Tourneeplan, dann rein damit. Gab’s in der letzten Zeit einige gute Interviews, dann darf auch aus diesen Interviews zitiert werden oder es dürfen, wenn vorhanden, Quotes aus Musikmagazinen verwendet werden.
Naja und natürlich das Produkt. Die CD, die EP oder das Demo oder die letzte Veröffentlichung auf was für einem Medium auch immer. Man kann auch USB Sticks mit einem hübschen digitalen Paket verschicken. Das kostet allerdings alles Geld. Wenn’s keine Plattenfirma gibt, die das übernimmt, dann muss man kreativ werden. Auf alle Fälle ist es immer gut, Normen zu durchbrechen und etwas anderes auszuprobieren.
Zum Produkt kann man noch ein One-sheet drucken lassen und dazulegen. Ein Din-A 4 Blatt, qualitativ hochwertig, beidseitig bedruckt, das das Produkt erklärt. Z.B. Der musikalische Stil des neuen Albums, das Arrangement oder die Vorgehensweise im Studio, wer hat mitgewirkt und wer hat produziert? Solche Dinge.
Das Anschreiben sollte kurz und knapp sein. Freundlich aber distanziert. Man will sich ja nicht selbst wie warmes Bier anpreisen. Sag wer Du bist, was Du kannst und was Du willst und dann lass die Fotos und die Musik für Dich sprechen. Mach bloß keinen verzweifelten Eindruck, sonst denkt der A&R, der Redakteur oder der Journalist „mit denen stimmt was nicht.“ Zusätzlich ist auch eine digitale Pressemappe als pdf Datei auf der eigenen Page unbedingt empfehlenswert. Pressefotos zum download oder besser noch einen ganzen separaten Pressebereich auf der Page einrichten, wo sich Journalisten kurz mit ihrer E-mail Adresse akkreditieren müssen. Die Adressen sammelst Du dann für spätere Rundmails und baust Dir so einen Verteiler auf. Auf alle Fälle sollte das Internet intensiv genutzt werden. Selfmarketing im Netz ist kostenlos und effektiv.
Die Mappe selbst sollte in ihrer Ästhetik der Graphik des Produkts entsprechen. Bei Maffay oder bei den Onkelz gab es zu jeder neuen Veröffentlichung eine neue Pressemappe in „Album-Optik“ mit neuen Fotos, dem neuen Produkt und einem neuen One-sheet. Es wurden meistens zwischen 800 und 1000 Stck. hergestellt und dann versendet. Da saßen Praktikanten, die die Dinger eingetütet haben, Adressaufkleber drauf und ab zur Post. Das kann eine junge Band mit knappem Budget natürlich nicht aufbringen.

Nils Kolonko:
»In welchen Formen hat Weidner 1987 "hart an sich gearbeitet"? Hätte man rückblickend damals schon erkennen können, dass aus dieser Band einmal etwas monströs großes wird; wenn ja, woran?

Edmund Hartsch:
»Das ist eine Frage, die sich nicht in zwei bis drei Sätzen beantworten lässt. Stephan hat insofern hart an sich gearbeitet, als dass er nicht aufgehört hat, zu suchen. Der ist nie an diesem Punkt angekommen, wie es vielen Leuten seiner Herkunft möglicherweise ergeht, die sich mit 25 Jahren, spätestens mit 30 in ihrer Welt einrichten und arrangieren. Die machen viele Kompromisse und sind später todunglücklich. Stephan hat überhaupt keine Kompromisse gemacht. Der hat aber nicht nur gesucht, sondern der hat dem Leben einfach alles abverlangt und sich nicht mit Standardantworten zufriedengegeben. Der begann irgendwann, alles und jeden zu hinterfragen. Das hat schon früh angefangen, als er das Ludendasein des Vaters erst überprüft und dann abgelehnt hat und fortan auf der Straße lebte. Und da war er erst 16 Jahre alt. Das sagt ja schon einiges über seinen Charakter aus. Es entstand also zunächst Angst in der Kindheit und sodann ein enormes jugendliches Wutpotential, das verarbeitet werden wollte. Das ging durch die Schulzeit und danach über die Punk- und die Skinheadszene, die ihn nicht befriedigt hat. Der hat schon recht früh vermutet, dass „Leben“ noch viel mehr bedeuten und dass auch er etwas erreichen kann. Der hat ohne Pause Bücher gelesen, verschlungen fast. Er hat zudem konsequent seine eigene Musik zur Selbsttherapie eingesetzt. Unbeirrbar. Stephan hat sich beständig selbst analysiert und sämtliche Erkenntnisse und Erfahrungen in seinen Songs autobiographisch verarbeitet. Das war extrem ehrlich und das haben die Fans natürlich gespürt. Da war für jeden etwas dabei, weil es überall Parallelerfahrungen gab. Stephan Weidner hat – ohne jeglichen Schulabschluss – unter den denkbar schlechtesten Voraussetzungen angefangen und übermenschlich viel aus sich gemacht. Er hätte ja auch ein Gewaltverbrecher werden können. Wurde er aber nicht. Er hat permanent an seiner Menschwerdung gefeilt und gearbeitet. Kurzum, er hat Verantwortung übernommen. Für sich, für sein Handeln und obendrein für viele Menschen in seinem Umfeld. Seine größte intellektuelle Leistung besteht darin, dass er seinen frühen Hass in Liebe umgekehrt hat. Zunächst einmal in Liebe zu sich selbst und danach zu Anderen. Das haben leider nur die Wenigsten verstanden. So wie Maffay Maffay ist, ist Weidner Weidner. Da gibt es keine Duplikate oder Kopien. Und das war nicht nur 1987 so, das ist heute noch genauso. Weidner heute ist ja nicht mehr der Weidner von 1987, der ist Lichtjahre davon entfernt. Nimm z.B. sein aktuelles Solo-Album „Autonomie!“. Gleich im ersten Song heißt es: „Ich mach’ den Sprung zum Selbst, aus der Angst. Ich fragte mich, ob ich das kann …“ Das ist von Jaspers und bringt es als philosophisches Prinzip genau auf den Punkt. „Der Sprung zum Selbst“, das ist die Summe seiner Erfahrungen. Und wenn man ihn kennt, versteht man auch ganz genau, was gemeint ist. Stephan ist mit sich im Reinen. Der ist bei sich angekommen. Was Andere davon halten oder wie Andere das von außen beurteilen, ist hier völlig unerheblich.

Ob man das damals schon hätte absehen können? Nein. Also, ich hab’s auf alle Fälle nicht kommen sehen. Ich glaube, dass hat niemand erwartet, er selbst auch nicht. Aber auf der Reise, entlang des Weges, wurde es immer klarer und dort wo ich oder Andere es ob der Gewaltigkeit dieses „Dings“ schon fast mit der Angst zu tun bekommen haben, da hat der Weidner nur gegrinst und gesagt, „Ist doch geil!“ Du musst eben auch lernen, mit so einer Fan-Energie umzugehen. Wenn Du da kein betonhartes Fundament hast, dann kann auch eine „Kurt Cobain Nummer“ draus werden. Bei soviel Anbetung auf dem Teppich zu bleiben und keine Allüren zu kultivieren, das ist schon eine reife Leistung. Kritiker werfen Stephan gerne seine Arroganz vor, weil sie bei ihm nicht landen können, aber das ist nicht wirklich Stephan. Das ist nur Selbstschutz vor Verwundungen, das ist nur ein Schild. So wie bei Maffay die Lederjacke ein symbolisches Schild gegen Verletzungen ist. Hinter beiden Schutzmauern stehen sehr korrekte, engagierte und kluge Menschen mit wunderbaren Prinzipien. Ich ziehe in jedem Falle meinen Hut vor der Lebensleistung sowohl von Stephan Weidner als auch von Peter Maffay.

Nils Kolonko:
»Bela B. von Die Ärzte sagte auf die Frage von Christina Loock (Bremen Vier - Radio Bremen): "Was hat dir geholfen, auf dem Weg nach oben?" - Bela: "Auf dem Weg nach oben? Dass ich zwischendurch auch mal wieder ganz unten war. (...) Nicht entmutigen lassen." (Info für die Leser: Bela spielte, als Die Ärzte sich zwischenzeitlich aufgelöst hatten, in der Zeit von 1989 bis 1992 mit seiner Band, Depp Jones, häufig in sehr schlecht besuchten Clubs).
Im Text von Stephan Weidner zum Onkelz-Song "Das ist mein Leben" heißt es: "Man muss wohl erst ganz unten sein um oben zu besteh'n".
Auch Peter Maffay singt in dem von ihm interpretierten Karat-Song "Über sieben Brücken musst du geh'n" unter anderem: "Sieben mal wirst du die Asche sein, aber einmal auch der helle Schein." - Ich denke, das Thema ist das Gleiche.

Frage: Welche Erfahrungen und Beobachtungen hast du zu diesem Thema?

Edmund Hartsch:
»Ich war im Mai 1993 auf Stephans 30stem Geburtstag auf dem Dach der Zeilgallerie in Frankfurt. Eine sehr nette Party mit vielen Frankfurter Freunden aus den verschiedensten Bereichen der Musik und der Kunst. Stephan wollte eigentlich einen kleinen Gig für seine Gäste spielen. So eine „unplugged“ Geschichte. Und da sitzt der Kevin auf dem Barhocker mit dem Micro in der Hand und sieht aus, als wenn er von einem Pitbull im Gesicht erwischt worden wäre. Zerschnitten und blutend. Der hatte sich gerade mit Glasscherben sein eigenes Gesicht bearbeitet und war so auf Heroin, wie man nur sein konnte. Da sah Stephan einfach nur traurig aus. Der hatte ihm schon so oft beim Entziehen geholfen, aber Kevin wurde immer wieder rückfällig. Diese Geschichte zieht sich wie in roter Faden durch die gesamte Karriere der Onkelz. Gegen 1997/98 war Kevin wieder clean und topfit. Eine imposante Erscheinung. Das entsprechende Album „Viva los Tioz“ war die erste Nummer 1 in den Album Charts und danach ging’s wieder rapide bergab. 2002 gings wieder hoch und als die Band 2003 für die Rolling Stones in Hannover eröffnete ging’s wieder in den Keller mit dem Sänger. Rauf und runter und rauf und runter und der einzige der stets zu Kevin gehalten hat und der ihm immer wieder und wieder und wieder die Hand gereicht hat, war Stephan. Der hat ihn nie aufgegeben, aber sogar dem wurde es am Ende zuviel. Das Thema wurde in etlichen Songs be- und verarbeitet, auch um Kevin zu helfen, aber genützt hat es nichts. Sehr, sehr schade, dass die Presse nie anerkennen wollte, was es dort für fantastische Möglichkeiten gab und was für eine unglaubliche Beispielfunktion Stephan hätte übernehmen können.
Von daher haben sowohl Bela B. als auch Stephan, als auch Maffay die Situation genau richtig analysiert. Es wird Rückschläge geben, stell Dich darauf ein. Wie Du damit umgehst und wie Du sie wegsteckst, das zeigt, aus welchem Holz Du gemacht bist. Wer aufgibt, der gibt auf. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Nils Kolonko:
»Welche Schritte und Entscheidungen waren rückblickend die wichtigsten beim stufenweisen Aufstieg der Onkelz? In welchen Bereichen kann man eine solche Laufbahn bewusst einsteuern und gibt es Bereiche die 'einfach passieren' müssen; wenn ja, welche?

Edmund Hartsch:
»Steuern kann man solche Dinge wohl nur bedingt. Meistens reagiert man. Bei den Onkelz gab es eine ganze Menge wichtiger Einschnitte. Mann könnte schon in der Kindheit anfangen, aber wenn wir uns die 25jährige Bandgeschichte von 1980 bis 2005 anschauen, dann waren die wichtigen Entscheidungen und Ereignisse/Zwischenfälle wohl diese hier:

aufzaehlungspunkt_rot 1981 kam der Gitarrist Gonzo von der Punkband „Antikörper“ dazu. Die anderen Drei konnten ja gar nichts. Ich meine, überhaupt nichts. Der Gonzo konnte Gitarre spielen und hat den Songs Struktur verliehen. Ohne ihn, wäre die Band wahrscheinlich nicht über die ersten dilettantischen Punktage hinausgekommen. Eine sehr günstige Fügung.

aufzaehlungspunkt_rot 1982/83 wurde der Punk sehr kommerziell. Die „Neue Deutsche Welle“ hatte den Punk mit Hilfe der Industrie in den Keller abgeschoben. Die Politik mischte sich ein. An dieser Stelle zu sagen, wir werden härter und konzentrieren uns auf Raufereien, Saufen, Fußball und Oi-Punk, das war sicherlich eine wichtige, wenn auch komplett unbewusste Entscheidung. Eher eine jugendliche Trotzreaktion. „Hauptsache unkommerziell bleiben.“

aufzaehlungspunkt_rot 1983/84 der Wechsel ins Skinheadlager. Als erste Skinheadband in Deutschland ein Album herauszubringen, das musikalisch schon einiges an Potential erahnen ließ, war sicherlich ebenso wichtig. Auch wenn das Album ungerechtfertigterweise auf dem Index landete, so trug es dennoch enorm zur Legendenbildung bei. Die Onkelz besaßen fortan eine „gefährliche Aura“. Wie viel das alles mit der Realität zu tun hatte und wie viel von außen dazu gedichtet wurde, lassen wir jetzt mal dahingestellt.

aufzaehlungspunkt_rot 1986 zu sagen: „Die Skinheadszene kann uns mal… wir wollen mit Politik nichts zu tun haben...“, war natürlich extrem wichtig, zeigt aber auch schon ganz klar Stephans Wunsch nach Weiterentwicklung, seinen enormen Antrieb und seinen Willen. Ungeachtet aller Konsequenzen. Ein Schlüsseljahr.

aufzaehlungspunkt_rot 1986 der Weggang von Rock‘o Rama und hin zu Metal Enterprises. Weg von diesem fürchterlichen Label zu einem Metal Label.

aufzaehlungspunkt_rot 1990 der Weggang von Metal Enterprises und hin zur Bellaphon. Weg vom nächsten fürchterlichen Label zu einem „almost-major“ Label.

aufzaehlungspunkt_rot 1990 Der Mord am besten Freund Trimmi und somit Kevins Abstieg in die Sucht.

Edmund Hartsch am Strand von Matapalo im Süden von Costa Rica. Foto © Michelle Soucy

aufzaehlungspunkt_rot 1992 die „Heilige Lieder“ LP. Nr. 5 in den Charts und der Auslöser des Pressekrieges. „Heilige Lieder“ war die Versöhnung mit sich selbst. Ein total friedfertiges Album, das „auf Pilzen“ in Mexico am Strand entstand. Sehr lustig im Nachhinein, dass ausgerechnet dieses Album von der Presse so fertig gemacht wurde und man die Onkelz als „Nazi Band“ beschimpfte. Ab diesem Zeitpunkt war der Name „Böhse Onkelz“ in aller Munde. Beispiellos in Deutschland. Dass der Stephan der deutschen Presse allerdings im Alleingang die Stirn bieten würde, hätte niemand erwartet. Es wurde alles, und ich meine wirklich alles, dafür getan, um die Band fertig zu machen. Wie wir wissen, ist das daneben gegangen. Ein ganz wichtiger Einschnitt und ein ganz wichtiges Jahr. Aber auch hier meistens nur „Reaktion“.

aufzaehlungspunkt_rot 1995 Zunächst der Einstieg von Matthias Martinsohn als Manager und somit der Wechsel von der Bellaphon zu Virgin Records unter Udo Lange. Matthias und Udo, zwei sehr wichtige Personen, die große Professionalität reinbrachten. Zusammen mit Stephan ein unschlagbares Trio. Das hob auch die Live-Performances auf ein neues Level. Dortmunder Westfalenhalle ausverkauft. Solche Dinge.

aufzaehlungspunkt_rot 1997 meine Biographie der Band. Veröffentlichung der bisherigen Historie zum Nachlesen. Auch wenn’s nicht alle gelesen haben, die es eigentlich dringend hätten lesen müssen. Dennoch ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Kämpfen mit offenem Visier: „Hier ist unsere Geschichte, das sind wir. Macht was draus oder lasst es bleiben. Uns egal!“

aufzaehlungspunkt_rot 1998 Kevin ist clean. Das Album „Viva los Tioz“ geht auf die 1. der Album Charts. Es folgt die erste von 3 oder 4 Echo Nominierungen, die die Onkelz mit großem Gelächter quittieren und ihre Teilnahme an der Veranstaltung jedes Mal absagen.

aufzaehlungspunkt_rot 2000 erstes Video für „Dunkler Ort“ in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Künstler HR Giger. Einfach nur so zum Spaß. Keine Kopie an MTV oder andere Musiksender.

"Keine Amnestie für MTV". Stephan Weidner gibt ein klares Statement ab. Info: MTV Germany hatte 2010 einen Gesamtmarktanteil 0,4% am Fernsehmarkt. Zum Vergleich: RTL hatte 2010 13,5%, der Kinderkanal 1,4%. Seit 2011 gibt MTV gar keine Quoten mehr heraus, weil MTV zum PayTV-Sender wurde und jetzt offenbar als 'Teil von TV-Abopaketen' mit verramscht - ähm, verkauft - wird. Meine Meinung dazu: Kein Wunder, denn für Musikfans (und somit auch für die Werbekunden, die eine entsprechende Zielgruppe erreichen wollen) war das Programm dort schon Jahre vorher unerträglich geworden. Für weiterführende Infos und eine mögliche Handlungsstrategie für Bands im Bezug auf Videodrehs vgl. das Bandologie-Interview mit Stefan Brunner von Schandmaul.

aufzaehlungspunkt_rot 2002 Das „MTV Masters“ und der folgende Kleinkrieg gegen MTV. Eine sehr lustige Aktion. Deren Server ist abgestürzt, weil sich am Tag nach der Sendung mehr als 50.000 Fans beschwerten. „Keine Amnestie für MTV“, eine Bombennummer ging als Single Auskopplung auf die 2 der Charts. Aber auch hier wieder nur „Reaktion“ und keine „Aktion“.

aufzaehlungspunkt_rot 2002 Im Internet kündigen irgendwelche Nazi Schwachköpfe an, dass sie ein Onkelz Konzert in Dortmund stürmen wollen. Die Hell’s Angels übernehmen kurzerhand die Security an der Westfalenhalle, weil Stephan der Polizei das nicht zutraut. Daraufhin rücken Verfassungsschutz und 3000 Bullen plus mehrere Spezialkommandos in Bussen an, platzieren Scharfschützen auf dem Dach und nehmen alle Angels nach dem Konzert fest. Helikopter kreisen über der Westfalenhalle. Der gesamte Boden im Foyer der Halle ist voll von liegenden, gefesselten Hell’s Angels, während 15.000 schwitzende Fans die Halle nicht verlassen dürfen. Kein einziger Nazi in Sicht, aber großes, großes Chaos und ganz gewiss keine Sternstunde der Dortmunder Polizei. Alles in allem ziemlich interessant vom journalistischen Standpunkt aus betrachtet.

Musik: Peter Maffay, Text: Stephan Weidner. Die Ballade "Früher, später". Tipp: Original-Urheber von GEMA-gemeldeten Werken kannst du hier in der GEMA-Datenbank nachschlagen: https://online.gema.de/werke/

aufzaehlungspunkt_rot 2003 Support für die Rolling Stones. Ein sehr schlechter Gig, weil Kevin rückfällig geworden war. Dennoch ein Highlight. Allerdings auch der Auslöser, die Bandgeschichte zu Ende zu bringen. Es ging einfach nicht mehr.

aufzaehlungspunkt_rot 2004 Das letzte Album und die letzte Tour. Es hatte zwischendurch auch immer wieder Fan-Gemeckere gegeben. Die Band sei zu kommerziell, zu weich, zu blah, blah, blah, was Stephan zum Anlass nahm, einfach einmal „Je t’aime“ von Serge Gainsbourg zu covern. Und zwar in der original französischen Schwuli-Schnulzen-Version, allerdings mit härteren Gitarren. Das zeigt in etwa Stephans Einstellung, seinen Humor und auch seine Eier. Eine Band wie die „Böhsen Onkelz“ geht hin und singt „Je t’aime“. Also wenn das kein Statement ist: „Ihr findet, wir sind zu weich? Ok, wartet, dann singen wir jetzt mal „Je t’aime“ für Euch. Mal schauen, wie Euch das schmeckt.“

"Ihr hättet es wissen müssen". Vor 120.000 Fans schreibt eine Rockband Musikgeschichte. 40.000 Fans der Böhsen Onkelz knien sich nach 25 Jahren Bandgeschichte spontan zum Abschied hin, Männer und Frauen liegen sich tränenüberströmt in den Armen. Spielfilmreife Szenen spielen sich ab und ... die Presse fehlt! Edmund Hartsch über das gigantische Konzert: "Außer dem „Rock Hard“ und dem „Metal Hammer“ keine Presse, kein Journalist, kein Fotograf. Ich war alleine im Graben. Das sind musikhistorische Ereignisse, über die man erstmal nachdenken muss."

aufzaehlungspunkt_rot 2005 Euro Speedway Lausitz Ring, Abschiedskonzert. 2 Tage, 16 Vorbands, unter anderem Rose Tattoo, Motörhead, Machine Head, D.A.D., In Extremo etc. Ein Jahr im Voraus komplett ausverkauft. Tickets bei Ebay für 400 Euro. 120.000 Menschen von denen sich während des letzten Songs 40.000 hinknien und singen: „Ihr seid besser als die Rolling Stones!“ Außer dem „Rock Hard“ und dem „Metal Hammer“ keine Presse, kein Journalist, kein Fotograf. Ich war alleine im Graben. Das sind musikhistorische Ereignisse, über die man erstmal nachdenken muss. Man muss sich einfach einmal darüber klar werden, was da überhaupt los war. Absolutes „Spielfilmmaterial“.

Nils Kolonko:
»Frage: Angenommen, eine Band wollte eine sehr große Karriere machen. Welche Tipps und Empfehlungen hättest du für die Band?

Edmund Hartsch:
»Zusammenhalten. Nie aufgeben. Wenn Du aufgibst, dann tust Du genau das. Du gibst auf. Dann gibt’s die Band nicht mehr. Immer weitermachen. Sich streiten ist ok, aber man muss sich danach auch wieder vertragen. Halte Dein Ego im Zaum. Eine Band ist eine demokratische Angelegenheit. Aber manchmal braucht sie auch eine führende Hand. Wer übernimmt die Verantwortung? Wer reitet mit wehender Fahne voran und motiviert seine Mitstreiter? Auch wenn’s hart wird, es gibt immer einen Ausweg. Weiter, immer weiter. GIB NICHT AUF!!
Andere wichtige Aspekte sind Management und Marketing. Wie bereits gesagt, gibt es kein Artist Development mehr. Dafür gibt es aber das Internet. Das ist weitgehend kostenlos. Selfmarketing ist wichtig, das Nutzen sozialer Netzwerke, etc... Vergiss die Onkelz oder Maffay oder Tokio Hotel, Ärzte, Hosen, Rammstein. Das kommt einem Sechser im Lotto gleich. Im Normalfall wirst Du neben Deiner Bandkarriere auch noch einen ganz öden Job machen müssen, um Geld zu verdienen. Aber das muss nicht so bleiben. Du kannst viel selbst erledigen. Lies Bücher und informiere Dich, lerne wie das Musikbusiness funktioniert. Einer kann sich um den Managementbereich kümmern, einer lernt, was es mit dem Booking auf sich hat, der Dritte kümmert sich um das Marketing und der Vierte um die Fans. Sitz nicht rum und warte auf den Erfolg, hetze ihm auch nicht hinterher. Ignoriere ihn und er kommt von alleine auf Dich zugekrochen.

Nils Kolonko:
»Thema Innovationen: Meinen Erfahrungen nach liefern dauerhaft erfolgreiche Musiker im Laufe ihrer Karriere in der Regel mehrere Neuheiten, die es in der Form vorher in der Musikwelt nicht gab. In den meisten Fällen handelt es sich um von den Künstlern kreierte Inhalte, - also Musik, Text, Show und sonstige, inhaltliche Äußerungen, - die sich deutlich vom Rest unterscheiden. Im Kontrast dazu gelingt es vielen erfolglosen Künstlern nicht, Inhalte zu erschaffen, die spannend genug sind, um beim Publikum über Jahre genügend Emotionen zu provozieren.

Frage: Was sind deiner Erfahrung nach die entscheidenden Faktoren, um ein Musikprojekt dauerhaft auf Erfolgskurs zu halten?

Edmund Hartsch:
»Naja, sicher ist es ok, auch neue Sachen auszuprobieren. Damit verlangst Du Deinen Fans allerdings auch viel ab. Es ist ein Unterschied, ob ich neue Elemente ausprobiere oder ob ich meinen Stil komplett verändere. Wichtig ist, dass es ehrlich ist. Dass es wirklich von Herzen kommt. Dass es dem ganz persönlichen Ausdruck des Künstlers entspricht. „Ich will das jetzt machen und es ist mir scheißegal, was die Fans oder die Presse oder sonst irgendjemand davon hält.“ So kann’s gehen. Es muss auch nach außen demonstriert werden, dass der Künstler voll und ganz hinter dem steht, was er da macht. Auf der anderen Seite ist Konstanz ebenso wichtig. Udo Jürgens macht ja auch seit 40 Jahren das Gleiche und ist damit erfolgreich. Dessen Fans wollen sicher keinen harten Rock vom Udo hören. Ich weiß nicht, ob man immer um jeden Preis etwas Noch-nie-da-gewesenes bringen muss. Das läuft sich auch tot. Oder es geht in so eine Bombastik Schiene wie beispielsweise bei Metallica oder U2. Groß, größer, am Größten, Centerstage im Fußballstadion. So große Shows sind ja überhaupt nicht mein Ding. Das lenkt ab. Ich kann mir auch – sehr gerne sogar – eine kleine Band in einem kleinen Club anschauen. Ich war vor ein paar Monaten mit Stephan bei – kaum zu glauben, oder? – „Jingo de Lunch“ im „Nachtleben“ in Frankfurt. Winzig, aber sehr genial.
Aber um Deine Frage zu beantworten. Nicht alle dauerhaft erfolgreichen Künstler liefern so extrem neue Sachen. Viele bleiben beim bewährten Stil, auch weil sie Angst haben, Fans zu verlieren. Siehe Scorpions. Ok, Metallica spielten ein Album mit einem Symphonie Orchester ein. Big deal. Das haben ja schon viele gemacht. Solche Dinge wie: „Ich probiere jetzt einmal etwas ganz anderes!“ können auch böse schief gehen. Als Neil Young 1982 sein „Trans“ Album rausgebracht hat, haben sie ihn fast gesteinigt. Maffay kam allerdings plötzlich mit Tabaluga um die Ecke, was sich als absoluter Dauerbrenner herausgestellt hat. Ich glaube fest daran, dass es das Wichtigste ist, einfach nur live zu spielen und sich eine Fan Basis aufzubauen. Die muss solide und fest sein. Der Kontakt zu den Fans ist enorm wichtig. Die Onkelz haben sicherlich 1986 die ganze Glatzenszene vor den kahlen Kopf gestoßen. Die haben alles auf’s Spiel gesetzt, weil sie eingesehen haben, dass es in die falsche Richtung lief. Das kam zunächst einem Selbstmord gleich. Es gab fast 4 Jahre lang keine Auftritte und während dieser Untergrundphase haben sie sich mit ihrem 1987er, 1989er und 1990er Album schön langsam und kontinuierlich neue Fans erspielt. Zudem haben sie mit ihrem B.O.S.C. Fanclub ein neues wegweisendes Konzept erschaffen. Das Fanzine war ungeheuer aufwendig und hat die Band jedes Mal ein kleines Vermögen gekostet. Solche Dinge zahlen sich aus. Aber man muss es erklären, damit es auch verstanden wird. Nicht unbedingt von der Presse, die verstehen ohnehin nur wenig, aber von den Fans.

Nils Kolonko:
»Frage: Was hat Peter Maffay deiner Meinung nach in die deutsche Musikszene gebracht, das es vorher nicht gab?

Edmund Hartsch:
»Tabaluga. Maffay hat sich als Erster hingestellt und gesagt: „Ich mache jetzt etwas für Kinder“. Daraus ist ein ganzer Charity Zweig entstanden, der einmalig ist. Das gab es noch nie zuvor und gibt es meiner Meinung nach auch kein zweites Mal. Sein persönliches soziales Engagement ist unübertroffen und beispiellos. Tabaluga hat er entgegen aller Meinungen und Gegenargumente durchgesetzt. Die Leute in seinem Umfeld haben ihm den sicheren Karriere-Tod prognostiziert. Das war ihm alles egal. Tabaluga TV läuft in mehr als 65 Ländern, Tabalugarechte wurden an der Börse gehandelt. Das muss man sich mal vorstellen.
Was seine Rock Karriere angeht, so muss man es im zeitlichen Kontext sehen. Auch Maffay ist mit seinen Fans gewachsen. Die meisten sind ihm einfach von der ersten Stunde an treu geblieben. Über 40 Jahre gesehen, ergibt das eine enorme Basis. Der veröffentlicht heute noch mit 60 Jahren ein Nummer 1 Album nach dem anderen.
Hätten sich Frumpy übrigens damals nicht aufgelöst, wären sie heute mit Inga Rumpf als Sängerin die größte deutsche Rockband der Geschichte. Top Musiker, Hammer Front-Frau. Die brachten als erste Band richtig guten, englisch gesungenen Rock. Sehr geile Band. Schade, dass sie nicht durchgehalten haben.

Nils Kolonko:
»Frage: Was haben Die Böhsen Onkelz deiner Meinung nach in die deutsche Musikszene gebracht, das es vorher nicht gab?

Edmund Hartsch:
»Sie haben sich konsequent – notgedrungen – den Medien verweigert. Ende der Neunziger war noch guter Wille zu erkennen. Allerdings hat man sie in den folgenden Jahren so hart verarscht, dass sie sich verweigern mussten, um nicht unglaubwürdig zu werden und um sich selbst treu zu bleiben. Die Medien haben ein solches Fass aufgemacht, die haben so unglaublich krasse Artikel geschrieben, die (nachweislich) so unglaublich schlecht recherchiert waren, dass es schnell offensichtlich wurde, die Onkelz können und dürfen nicht mit diesen Menschen zusammenarbeiten.
Dann allerdings hinzugehen und diese extrem negative Propaganda in eine für die Band positive Strömung zu verwandeln, das kann nicht jeder. Es war ja kein Spaziergang. Es war ja nicht so, dass es dem Stephan Spaß gemacht hätte, immer wieder als „Nazi“ abgestempelt zu werden, egal was er tat und egal, was er sagte. Das hatte allerdings irgendwann eine so lächerliche Dimension angenommen, dass sich viele Journalisten ins eigene Knie geschossen haben. Die Energie hat sich irgendwann einfach umgedreht und egal, wie schlecht die Presse war, es hat die Fangemeinde nur noch weiter wachsen lassen und nur noch enger zusammengeschweißt. „Outlaw-Effekt.“ Kann funktionieren, kann aber auch schwer daneben gehen. Da hilft nur ein sehr, sehr dicker Dickschädel.
Somit war es sicherlich die konsequente Verweigerungshaltung, die sie in die deutsche Musikszene gebracht haben. Dazu haben sie es geschafft, ohne jegliche Unterstützung der Medien, ohne Videos oder Promo Aktionen, mit totalem und flächendeckendem TV- und Radio Boykott, dennoch ein Nr. 1 Album nach dem anderen abzuliefern und sämtliche große Hallen in Deutschland, Österreich und der Schweiz 1,5 Jahre im Voraus mehrfach auszuverkaufen. Die Onkelz standen mit ihrem Merchandise-pro-Kopf-Verkauf während der Konzerte im internationalen Vergleich auf Platz 2 hinter Bruce Springsteen.
Dazu kommen natürlich Stephans intelligente Texte und ein verdammt guter Deutsch-Rock. Einzigartig, auf jeden Fall.

Nils Kolonko:
»Thema Sport: Du inspiriertest Stephan Weidner dazu "richtig sportbesessen" zu werden. Mir fiel kürzlich auf, dass auffällig viele Leute mit "mehreren Karrieren zeitgleich" leidenschaftlich Sport betreiben. Beispielsweise Stefan Raab, Bruce Dickinson (Sänger von Iron Maiden, Boeing 757-Pilot, Ex-Turnier-Fechter), Arnold Schwarzenegger, Vin Diesel und Chuck Norris.

Frage: Meinst du, es gibt kausale Zusammenhänge zwischen Sport / Fitness und der Fähigkeit, mehrere Wege zeitgleich sehr erfolgreich zu gehen; wenn ja, welche?

Edmund Hartsch:
»Nein, das glaube ich nicht. Sicher musst Du für ein Konzert fit sein. Für eine ganze Tour noch viel fitter. Maffay macht täglich Hanteltraining, seit er 15 Jahre alt ist. Bei Stephan und mir war es aber am Anfang einfach nur Spaß. Wir sind Wochenende um Wochenende zum Snowboarden gefahren. Später kam das Wellenreiten dazu.
Dass ein erfolgreicher Musiker auch unbedingt gleichzeitig Sport machen muss, glaube ich nicht. Lemmy’s oder Ozzy’s Blut ist so dermaßen drogengesättigt und toxisch, dass ich mir die beiden nicht wirklich beim Sport vorstellen kann. Kevin Russell und Keith Richards auch nicht. Aber natürlich muss man als Musiker fit sein, keine Frage.

Kausale Zusammenhänge gibt es aber wohl eher zwischen den Drogen und der Musik. Mir fallen jetzt im Moment nicht so viele erfolgreiche Musiker ein, die nicht auch eine ansehnliche Drogenkarriere hinter sich hätten. Amy Winehouse? Wow! Erfolg ist auch wie eine Droge und wirkt genauso. Damit muss man klarkommen. Am Ende werden sie dann allerdings alle schlau und lassen es mit den Drogen sein. Man könnte also den Reha-Aufenthalt überspringen und gleich Vollgas geben, ohne Drogen, aber das muss individuell entschieden werden. Selbstzerstörung und Autoagression haben schon immer dazu gehört und waren seit jeher ein Teil des Deals. Ich würde gerne mal wissen, wie viele geniale Rocksongs komplett bekifft, besoffen oder zugeschnuppt entstanden sind. Ohne Drogen kann es unter Umständen auch in so eine missionarische Straight Edge Besserwisser-Richtung laufen, wie bei Henry Rollins oder Ian McKaye. Das kann auch nerven, ohne den beiden zu nahe treten zu wollen. Ich fand „Minor Threat“ und „Fugazi“ geil. Bei den Onkelz waren auf alle Fälle immer Drogen dabei und Maffay hat in den frühen 80ern pro Tag 2 Packungen Marlboro geraucht und eine Flasche Ballantines gesoffen. Die Maffay Band war sicherlich auch nicht ohne… Es ist und bleibt ein ganz, ganz schmaler Grat.

Nils Kolonko:
»Frage: Was würdest du einem Musiker, der mit seiner Band vorankommen will, im Bezug auf seine Ernährung und Sport empfehlen? (Und für wie wichtig oder unwichtig hältst du das?)

Edmund Hartsch:
»Das muss jeder für sich entscheiden und da will ich mich nicht als Ratgeber positionieren. Iggy Pop hat sich in den 70ern und 80ern auf der Bühne permanent komplett verausgabt, aber sicherlich außer dem Drogensport nicht so viel gemacht. Die Erkenntnis, dass Fitness wichtig ist, kam bei dem erst viel später. Der lachhafte halbe Euro „50 Cent“ dagegen, verbringt sicher mehrere Stunden am Tag im Kraftraum. Aber das ist etwas anderes. Im Hip Hop, im Hardcore und auch bei den aufgepumpten Steroid-Glatzen gehören Muskeln und Fitness dazu. Da ist es jedoch dann wieder so ein Primaten- und Säugetierverhalten, so ein ghettointernes „Don’t fuck with me“-Imponiergehabe. Eigentlich albern. Schau’ Dir mal den Silberrücken Gorilla Glenn Danzig an. Lächerlich.
Moby sieht mir ein wenig blass aus. Ist der Lacto-Vegetarier oder Veganer? Keine Ahnung. Jedem das Seine.
Stephan ist seit 1989 konsequenter Vegetarier. Der isst nicht ein Gramm Fleisch, macht aber seit der gleichen Zeit auch sehr, sehr viel Sport. Jogging, Mountainbiking, Snowboarden, Surfen. Der raucht zum Beispiel schon seit Ewigkeiten keine Zigaretten mehr und trinkt auch nur sehr gemäßigt. Und er macht jedes Jahr eine zweiwöchige Fastenkur. Also schaden kann’s nix, wenn man Sport macht. Wer nur Drogen nimmt, der wird sicherlich irgendwann zusammenbrechen.

Nils Kolonko:
»Thema Entwicklung: Im Falle der beiden großen Musik-Acts, deren offizielle Biografien du geschrieben hast, gab es eine Reihe von Entwicklungen und Wandeln in der Laufbahn, die jeweils zu dauerhaftem Erfolg auf jeweils sehr hohem Niveau führten.

Frage: Was würdest du Musikern empfehlen, wie lange man ‚stur und überzeugt seine bisher eingeschlagene Richtung’ verfolgen sollte (viele versuchen das über Jahre und scheitern) und ab wann ‚Einsicht’ her muss und eine Veränderung erfolgen sollte? Anders formuliert: Woran merkt man, dass ein Richtungswechsel besser für einen selbst wäre?

Edmund Hartsch:
»Siehe weiter oben: Manchmal ist ein Wandel gut. Muss er aber nicht sein. Das kann nach vorne und nach hinten losgehen. Das ist sicher von Band zu Band und von Künstler zu Künstler verschieden. Wichtig ist, dass es aus dem Bauch kommt. Es muss ein ehrliches Bestreben und ein ehrlicher Wunsch sein. Ein Wandel darf auf keinen Fall eine Reaktion auf ein von außen auf die Band zukommendes Problem sein. Also kein Diktat der Plattenfirma oder etwas Ähnliches. Ein Wandel muss eine Aktion sein, die von innen kommt. Ein inneres, ehrliches Bedürfnis oder wenn schon Reaktion, dann Reaktion auf eine gefühlte Unzufriedenheit. Wenn ich mit Metal anfange, aber es mir keinen Spaß mehr macht, dann muss ich eben etwas anderes ausprobieren. Erfolg oder Misserfolg sollten nicht die Auslöser sein. Mangelnder Spaß, fehlende Zufriedenheit und vermisstes Wohlergehen schon.
Nimm „Rodrigo y Gabriela“, zwei wundervolle Musiker aus Mexico City, die ich sehr liebe und bewundere. Die wollten unbedingt Metal machen, waren aber total „unmetallisch“, erfolglos und frustriert. Irgendwann sagten sie zu sich: „Scheiß’ drauf, wir sind nun mal Mexikaner, wir können’s nicht ändern. Egal was wir auch anfangen, immer wieder drängeln sich irgendwelche Latino-Noten in unseren Metal.“ Also fingen die beiden an, Rocknummern in Flamencoversionen zu interpretieren und siehe da, heute sind sie Superstars und spielen „Stairway to heaven“ von Led Zeppelin oder „Orion“ von Metallica live in Glastonbury mit zwei Akustikgitarren und zwei Gläsern Rotwein daneben bei Kerzenlicht und 150.000 Leute explodieren vor Begeisterung. Jetzt sind sie „Flamenco-Metaller“. Das ist mal ‘n Ding, oder? Wer hätte denn so etwas für möglich gehalten? Check’ die mal auf Youtube. Die rocken, dass Dir schwindelig wird und das mit zwei Akustikgitarren. Wandel kann also enorm erfolgreich sein. Es muss einfach aus dem Herzen und dem Bauch kommen. Wer auf seine „innere Stimme“ hört, der hat schon gewonnen.

Nils Kolonko:
»Frage: Maffay wurde vom Schlagerstar zum Rockstar. Die Onkelz wurden von einer Punkband zur Skinhead-Band und letztendlich ohne Medienunterstützung zu soliden Hardrock-Stars. Wie kreiert man als Musiker einerseits solche fundamentalen Entwicklungen und andererseits solches Durchhaltevermögen?

Edmund Hartsch:
»Wie bereits vorher schon mehrfach gesagt, Maffay und die Onkelz sind zwei extreme Beispiele und können absolut nicht als Maßstab gelten. So ein Durchhaltevermögen kann man nicht kreieren. Das ist schon da. Das sind genetisch festgelegte und vererbte Anlagen. Die sind also bereits vorhanden, müssen nur noch erkannt, freigelegt und kultiviert werden. Wer diese Anlagen hat, der ist gesegnet. Der muss sie dann noch kreativ umsetzen und etwas daraus machen. Die „fundamentalen Entwicklungen“ entstehen demnach aus dem „Durchhaltevermögen“. Alle großen Bands sind ja nur deshalb so groß, weil sie durchgehalten haben. Es gibt auf so einem Weg viele Stolperfallen, aber auch hier hilft gesunder Menschenverstand und eine gehörige Portion Skepsis weiter. Ein Dickschädel wie der von Maffay oder Stephan sicherlich auch.

Nils Kolonko:
»Einige Bands und Musiker hoffen immer wieder, dass sie mit „den richtigen Kontakten“ oder mit „genügend Penetranz (häufig eher eine Art von Betteln) bei Plattenfirmen und Managern“ weiterkommen.

Frage: Was empfiehlst du stattdessen, zusätzlich oder als Basis dafür?

Edmund Hartsch:
»Klar, können „richtige Kontakte“ helfen. Wenn es denn auch „richtige“ Kontakte sind. Die Onkelz hatten mit ihrem Manager unheimlich viel Glück. Darüber kam der Kontakt zu Virgin Records. Maffay hatte viel Glück mit seinem Manager Michael Conradt. Der brachte Struktur in den Laden. Bei Plattenfirmen zu betteln ist grundsätzlich schlecht. Das bringt einen nicht weiter und wenn, dann hat man von Anfang an die Position und den Status eines Bittstellers. Kann allerdings, unter Umständen, wie im Falle von Zola in Südafrika auch zu großem Erfolg führen. Der hat als Teenie so lange mit seinem Demo-Tape vor der Tür des Labels „Ghetto Ruff“ gesessen, bis sie ihn endlich reingelassen haben. Heute ist er Südafrikas größter Kwaito-Star und Exportschlager, hat eine eigene Fernsehshow und macht Millionen. Auch ein Kämpfer, wie Maffay oder Stephan. Die beste und solideste Basis ist zunächst einmal der Freundeskreis. Leute auf die man sich verlassen kann. Jede große Band hat mal klein angefangen. Das ist ein dummer Spruch, stimmt aber. Jede kleine Band spielt zunächst für ihre Freunde in einem winzigen Rahmen. Danach in Bars und kleinen Clubs, eventuell folgen ein paar Support Geschichten oder Buy-ons, wenn man eine Plattenfirma hat. Wie bereits vorher schon angesprochen, ist meiner Meinung nach das Live-Spielen enorm wichtig. Je mehr desto besser. Mehrfach in der Woche. Üben, üben, üben. Und jedes Mal alles geben. So erspielt man sich eine Basis und wenn man größer und erfolgreicher wird, dann kann man auch höhere Ansprüche stellen. Als Nobody gleich mit der Tür ins Haus fallen und Allüren an den Tag legen, das geht schief. Bescheidenheit und Authentizität sind da viel wichtiger. Wenn ein junger Künstler, der gerade die ersten kleineren Erfolge verbucht und in einem Club vor 100 Leuten spielt, sich zu schade ist, runter in die Meute zu gehen, um ein paar Autogramme zu geben, oder schon den Star raushängen lässt, dann wird er sehr schnell untergehen. Arroganz kommt beim Publikum niemals gut an, Ehrlichkeit dagegen schon.

Nils Kolonko:
»Nachdem die lesenden Musiker dich und deinen Werdegang in Ausschnitten kennen ...

Frage: Angenommen, du hättest eine Band oder würdest eine managen. Was wären für dich die wichtigsten Dinge?

Edmund Hartsch:
»Die Frage kann ich nicht beantworten. Ich bin für beide Varianten ungeeignet. Wahrscheinlich die oben angesprochenen Dinge. Bescheidenheit, Freundlichkeit, Bestimmtheit, Intelligenz, Konsequenz, Durchhaltevermögen, ein wenig Selbstironie und Humor und ganz vorne anstehend Charisma.

Nils Kolonko:
»Frage: Angenommen, du hättest einen Live-Club oder eine Konzerthalle. Wie müsste sich eine Band bei dir bewerben, damit du sie erstmals zu einem Auftritt buchst?

Edmund Hartsch:
»Hm... auch das ist schwer vorstellbar. Aber wahrscheinlich mit einer guten Pressemappe und einem netten Anschreiben. Dann würde ich mir deren Homepage anschauen und würde mich freuen, wenn es eine interessante Page wäre, eine die aus dem Rahmen fiele. Dort würde ich mich umschauen und ein paar Audiofiles anklicken. Danach würde ich mir wieder die Pressemappe zur Hand nehmen und mir die Bio durchlesen und die Fotos anschauen. Und wenn ich etwas dabei spüren würde, würde ich die Band anrufen. Vielleicht so in der Art.

Nils Kolonko:
»Folgefrage: Was müsste beim Auftritt und in der Zusammenarbeit geschehen, damit du die Band wieder buchst?

Edmund Hartsch:
»Kondenswasser und Schweiß müssten von den Wänden tropfen. Ein paar Fans müssten ohnmächtig zusammenbrechen. Das rote Kreuz müsste einige Einsätze fahren. Vielleicht ein Nasenbeinbruch beim Stagediving? Die Putzfrauen müssten nach dem Konzert ohne Ende einzelne Schuhe und vielleicht 2 oder 3 BHs finden. Die Musiker müssten nett, intelligent und witzig sein und obendrein zuverlässig. Keine Allüren und keine dummen Sprüche. Unproblematisch, aber wild, sobald sie auf der Bühne stehen. Danko Jones zum Beispiel. Danko geht auf der Bühne total ab, ist nett anzuschauen, macht eine gute Figur und nach dem Konzert steht er backstage in der Garderobe, mit der Brille auf der Nase, hat ein Bier in der Hand und gibt intelligente Kommentare von sich.
Gehen wir einmal vom Normalfall aus. Kleine Band, kleiner Laden und vor der Bühne 30 Leute. Dann würde ich sehen wollen, dass sich die Band trotzdem verausgabt und diese 30 Leute in den Wahnsinn treibt. Denn diese 30 Leute bringen beim nächsten Mal ihre Freunde mit und plötzlich sind’s 150 und dann 300. Egal wie klein der Club und egal wie klein die Fanmenge ist, es muss immer alles gegeben werden.

Nils Kolonko:
»Frage: Wobei denkst du häufig „Jungs, so wird das nichts“, bei Musikbands? (= Was sind für dich „no go’s“ bei Musikern?)

Edmund Hartsch:
»Es gibt so viele „no-go’s“, dass ich sie nicht aufzählen kann. Aber, und das ist wichtig: Musik lebt auch von ihrer Vielfalt. Es gibt nichts, was so dumm und dämlich ist, dass es nicht irgendjemandem irgendwo gefällt. Das hat ja auch etwas. Dazu kommt, dass meine Meinung genauso unwichtig ist, wie die meiner Mitmenschen. Musik ist ein streitbares Thema und Musikgeschmack noch viel mehr.
Klar könnte ich hier meine persönliche „worst of...“ Liste runtertippen, aber warum? Ich denke nicht, dass meine Meinung so wichtig ist. Außer vielleicht, dass ich Phil Collins und Bon Jovi scheiße finde und sie an erster Stelle stehen würden.
Dennoch ein paar Dinge zu den No-go’s: Das Abkupfern anderer Stile ist überhaupt nicht gut. Die fortwährenden Kopien der immer gleichen Posen. Das kann schon die Körperhaltung sein oder wie der Sänger das Micro in der Hand hält. Da gibt es ein paar nervende Patienten, die mir persönlich überhaupt nichts geben. Zum Beispiel Limp Bizkit. Damit kann ich nichts anfangen. Das sind so zurechtgestrickte Nummern. Da wird geflüstert und gebrabbelt und der DJ macht rum und scracht – und Du weißt schon, „gleich passiert’s“ und dann: BOOM kommt der Bass rein und alle fangen an zu hüpfen. Das ist so vorhersagbar, dass es mich langweilt. Das kommt schon fast einer Fan-Dressur gleich.
Die meisten Hip Hop Videos öden mich an. Fette Autos, Dollarnoten und Arschraketen im Bikini. Ich kann’s einfach nicht mehr sehen. Outkast, N.E.R.D., Missy Elliot und auch Ludacris sind da recht angenehme Ausnahmen.
Maskerade und Verkleidungen gehen mir auch auf die Nerven. SEHR sogar. Slip Knot – total albern. Bitte nicht! T-Shirt und Jeans. Das reicht. Oder ohne T-Shirt, mir egal. Style ist wichtig, aber es muss der eigene Style sein. Siehe Danko Jones, sehr stylisch. Mike Ness von Social Distortion hat auch Style. Oder Stephan, extrem viel Style. Auch Maffay macht nicht lange rum. Lederhose, T-shirt, fertig. Millencolin – Hammerband und unverkleidet. Motörhead – unverkleidet und unverfälscht. Wer sich verkleidet, der lenkt von seiner Musik ab. Ich bin auch überhaupt kein Rammstein Fan. Ich möchte deren Leistung und Innovation aber auf keinen Fall schmälern oder kritisieren, die haben schon einige geile Dinge abgeliefert. Wobei ich denen noch eine erhebliche Portion Humor zuschreibe, was mir dann wiederum gefällt. In ihren Fat-Suits sahen sie wirklich großartig aus. Eine große Band kann sich natürlich mehr Show leisten, mehr Licht, mehr Pyro. Aber eine kleine Band, sollte sich einfach nur auf ihre Musik und auf ihre Ehrlichkeit konzentrieren. Nach wie vor, der Ausdruck ist es, auf den es ankommt, die Inhalte und das, was ich mit meinen Songs vermitteln will. Was Lordi vermitteln wollen, weiß ich nicht genau...

Nils Kolonko:
»Frage: Musiker fragen mich häufig, wie sie an "mehr Gigs" kommen und in welcher Weise sie sich bei Veranstaltern bewerben sollen. Was wären deine Tipps dazu?

Edmund Hartsch:
»Siehe drei Fragen weiter oben. Telefon in die Hand und ab. Telefonieren bis die Finger bluten. E-mails schreiben, Faxe faxen. Pressemappen und Demos versenden: „Wir sind die XY Band und wir sind geil!!“ Irgendwann wird irgendjemand anbeißen. Und dann zuschlagen mit allem, was die Band hat. Vollgas von der ersten bis zur letzten Minute. Wenn’s gut läuft spricht es sich herum. Fang in Deinem Barrio an und schau, dass Du die Kreise größer ziehst. Deine Garage, Deine Straße, Dein Viertel, Deine Stadt, Dein Bundesland und so weiter…

Nils Kolonko:
»Abschließende Frage: Was machst du momentan hauptsächlich; schreibst du an einem weiteren Buch?

Edmund Hartsch:
Edmund Hartsch am Strand „Playa S.“ auf seinem SUP (Stand-up Paddler). Foto © Edmund Hartsch
»Ich lebe zur Zeit in meinem kleinen Häuschen in Costa Rica und surfe jeden Tag meine local Breaks „M-Beach“ und „Playa S.“. Dazu arbeite ich in meinem Garten und versuche gerade die Kolibris mit einer „Kolibritränke“ näher ans Haus zu locken, aber die arroganten Viecher ignorieren meine Annäherungsversuche.
Ja, ich schreibe. Ich habe gerade ein kleines, aber sehr lustiges Reisetagebuch fertig gestellt. Im Sommer 2005, gleich nach dem Ende der Onkelz, bin ich mit dem Stephan Weidner im Auto 11.000 Meilen von Los Angeles nach Costa Rica gefahren und habe dabei Tagebuch geführt und gut 1500 Fotos geschossen. Durch Kalifornien, Mexico, Kuba, Belize, Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua und Costa Rica. Das Teil lag lange auf meinem Rechner rum. Jetzt habe ich es mal in eine Form gebracht und dem Stephan vorgelegt. Das ist ziemlich witzig geworden, auch weil es den Stephan einmal von einer ganz anderen Seite zeigt. Von der Seite, wie ihn die Fans nicht kennen, ich aber schon. Als Privatperson unterwegs. Ob wir’s tatsächlich veröffentlichen, lasse ich jetzt mal dahingestellt. Vielleicht im Herbst 2011. Mal sehen...
Ansonsten denke ich über einen zweiten Teil der Onkelz Biographie nach. Es ist noch nicht alles gesagt worden. Der erste Teil endet ja 1997. Da gäbe es noch ein paar knackige Geschichten, die ich nachliefern könnte. Aber das sind im Moment nur Gedankenspiele.

Nils Kolonko:
»Edmund, vielen Dank für das Interview.

Edmund Hartsch:
»Gern geschehen, Danke Dir.


Die Biografie von Peter Maffay, "Auf dem Weg zu mir" bei Amazon

Die Biografie der Böhsen Onkelz, "Danke für nichts!" bei Amazon

Danke an Heidrun Gebhardt von Random House und Aveleen Avide für die Vermittlung des Kontaktes zu Edmund Hartsch. Vielen Dank auch an Stephan Weidner (Der W) und Matthias Martinsohn für die Freigabe dieses ungekürzten und unzensierten Interviews, sowie Stephan Höck für die Freigabe der Portrait-Fotos. Tipp: Wenn ihr als Musiker einen Fotografen in München braucht: www.stephanhoeck.de.


P.S.: Dieses Interview kannst du weiterempfehlen. Folgende Shortcuts führen zu diesem Interview:
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